Ein Trauma bricht auf

Ich kann nicht tiefer fallen als die Erde selbst, auf die ein Baum fällt, wenn er stirbt.

Ein Baum fällt nicht in das bodenlose Nichts, wenn er stirbt. Er fällt lediglich auf den Rücken der haltenden Mutter Erde. Vielleicht war der Aufprall schmerzhaft, doch nun kann er einfach ruhen. Dort, auf der weichen und vertrauten Erde. In Frieden, bis er wieder eins wird mit ihr.

Wenn ich fiel, dann tiefer als der Boden unter meinen Füßen. Er war meistens gar nicht existent für mich. Ich fiel in schwarze Abgründe des dunklen Nichts, ohne jemals irgendwo aufzustoßen. Endloser Fall. Haltlos, verloren, voller Angst.

Verirrt, weil ich nicht klar sehen konnte, wer ich war, wo ich hingehörte, was zu tun ist und was zu fühlen, zu sagen, zu denken ist. Ich war kein ICH, weil da kein ICH war. Nur diffuses, dunkles Nichts. Vage Spiegelungen vom Außen, Worte, zerstreute Handlungen und viel Aufmerksamkeit für das da draußen, viel Wert gelegt auf das da draußen, was sie sagen und wie sie mich sehen. Doch im Inneren völlig verloren. Ein heimatloses Mädchen, das nicht verstand, wo es finden sollte, was es suchte. Geborgenheit in sich selbst, doch weit entfernt von ihr.

Und nun liege ich hier, still und erschöpft. So erschöpft, seit Monaten. Nicht vom Mamasein, nicht von zu wenig Ruhe. Es ist die Erschöpfung all der Jahre der Überforderung. Der gigantischen Flut an Empfindungen, Anforderungen, der Versuche mich und mein Umfeld zu lesen, zu verstehen, zu geben, was ich dachte geben zu müssen. Die Erschöpfung über die allgegenwärtige Spannung in mir. Gespannt wie ein Bogen, der wusste, er darf nicht passiv werden, nicht durchhängen, doch gleichzeitig nicht ahnte, wohin er zielen sollte.

Bin ich das, was ich jetzt fühle? Oder bist du das? Was fühle ich überhaupt? Wo will ich hin? Ich darf nicht weitergehen als du. Ich darf nicht zu viel Raum einnehmen. Ich traue mich gar nicht, Raum einzunehmen. Was ist mein Raum eigentlich? Spüre ich mich überhaupt? Wer könnte ich sein? Wer will ich sein? Die Leiter hochgehen und immer wieder abstürzen, immer wieder abstürzen. Warum? Warum? Warum? Warum so viel Wut? Auf wen? Warum so viele Extreme in mir? Warum habe ich keine Macht, keine Kraft? Bin ich wirklich so „schwach“? Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr, ich will lieber sterben, als das zu erleben. Warum tut Gott so etwas? Wie viel Verzweiflung kann ein Mensch ertragen? Warum kann ich nicht normal sein? Warum wenden sich Menschen von mir ab? Warum ist das, was ich denke, was ich will, meistens nicht, was ich wirklich brauche?

Warum? Warum? Warum ?

Und jetzt, weiß ich warum.

Ich kenne die Antwort.

Und diese Antwort ist einfach nur warm, einfach, klar und golden. Ich spüre sie, während ich mich vollständig in meinen Körper tanze, stampfe, springe, schüttle, lache, weine und ATME. Ich fühle die Antwort, während ich meinen unteren Bauch halte und massiere, der heute und sehr oft so schmerzt. Das Trauma. Ich spüre die Antwort, während ich mich weiter schüttle und langsam beginne zu fließen. Ich spüre die Antwort, während ich mich, meinen schmerzenden Bauch haltend, krümme und es so aus mir herausbricht, dass das Schluchzen aus der tiefsten Tiefe kommt. Von früher; es ist alt, sehr alt. Ich erlaube dem, zu gehen. Ich erlaube mir, es gehen zu lassen. Ich spüre die Antwort, während ich flüstere: Liebes Trauma, lieber Schmerz, du darfst gehen. Ich lasse los. Und ich bitte meinen Seelenanteil zurückzukommen. Ich empfange dich in Liebe.

Ich spüre die Antwort und die Antwort ist mein Körper. Ich in meinem Körper. Der, der fähig ist, mich wahrhaftig zu halten. Meine Hände, die sanft meinen Körper streicheln. Mein weinendes Gesicht. Meine Hände, die mich in den Arm nehmen und die Tränen, die fließen dürfen. Die Antwort ist der sichere Raum des Hier und Jetzt. Meine Orientierungslosigkeit schmilzt und was bleibt, ist ein einziger Fokus tief in mir drin. Die Antwort ist die Erleichterung, die mich durchströmt, der Frieden. Und die Antwort ist mein plötzlich glühendes, pulsierendes Herz und mein weicher Blick. Wie konnte ich mich je selbst hassen? Dieses fühlende, sanfte, liebende, tiefe Wesen, das ich bin?

Bedingungslose Liebe durchflutet mich und wie immer, wenn ich das fühle, sehe ich tanzende Menschen vor mir, auf der Straße, weinende Menschen, Menschen, die loslassen dürfen, Menschen, die fühlen und die plötzlich nicht mehr einsam sind, weil sie dieses eine Mysterium entschlüsselt haben. Das der bedingungslosen Liebe. Des tiefen Fühlens. Des Gehaltenseins im eigenen Wunder namens Körper mit den Füßen auf dem Rücken der einen Mutter Erde. Tief genährt und verbunden aus sich selbst heraus.

Wenn ich nun falle, kann ich Schmerz fühlen, kann ich traurig sein und alles darf da sein. Aber es kann mich nicht mehr verschlucken, weil ich weiß, was ich in Wahrheit bin und diese Wahrheit ist das Netz aus der bedingungslosen Liebe selbst, die mich auffängt und getrost weiter trägt.

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