Vom Druck zu Tun und dem Fallen ins Sein

Eintrag vom 18.04.2020

Je tiefer ich während der Meditation, dem puren Spüren und Extrahieren einzelner Gefühle gehe, um an ihre Wurzel zu gelangen, realisiere ich, wie fragil (noch) der Zustand erfüllten Soseins in mir ist. Ganz tief drinnen, mit dem ganzen Fokus auf meinem Inneren ist da alles – ein wunderschönes Paradies. Frieden, Glückseligkeit, Wahrheit, Sanftheit, Freude, das Kribbeln des Lebens, Entspannung. Dann steigt ein Gedanke auf, ich bemerke es jedoch erst nach zwei, drei, vier Gedanken und – zack – bin ich wieder im alten, so fest eingebrannten Muster. Angespannte Muskeln, fast zwanghafte Gedankengänge. Sie haben mit Kontrolle und Angst zu tun. Ich mache mir selbst Druck. Druck, eine bestimmte erfolgreiche und angesehene Person zu werden. Druck, Dinge zu tun, die meiner Bestimmung entsprechen. Zwanghaftes Denken über den Staub und die Unaufgeräumtheit der Wohnung, über den Mangel. Überall Mangel, immer wieder Mangel. Nicht genug, nie ist es genug. Wie oft werde ich die Wohnung noch sauber machen und wie oft wird sie wieder schmutzig? Die Absurdität dieser permanenten Kontrolle über meine Umgebung, mein Wohnen, meine Identifikation damit wird schnell deutlich. Und doch sind diese Gedanken so hartnäckig, von so starker Macht in mir, dass sie mich komplett einnehmen an manchen Tagen.

Kontrolle. Zwang. Kontrolle. Zwang. Ich beginne in dieser Zeit mehr und mehr darüber zu reflektieren, was für eine Rolle diese Mechanismen in meinem Leben spielen. Die Kontrolle durchzog lange Zeit einige Bereiche meines Lebens. Ich projizierte sie ins Außen, um mich von meiner unfassbar schlimmen inneren Leere abzulenken, die durch den äußeren Einfluss von narzisstischem Verhalten in meinem Leben entstand. Vom Planen des Alltags und der Produktivitätsrate bis zu Urlauben und Treffen mit Freunden an denen ich, im Nachhinein betrachtet, völlig verkrampft war, weil ich beispielsweise dachte, die Kontrolle über das Gespräch ständig halten zu müssen, aus Angst davor langweilig zu sein für den anderen. In Urlauben war es die Angst vor der Unproduktivität, die Angst davor nichts zu tun, mich nicht zu fühlen, nicht zu wissen, wer ich bin. Dadurch verbaute ich mir den freien Flow. In der permanenten Anstrengung, mich selbst in der Welt und in meinem Tun oder im Anderen gespiegelt zu sehen, entfernte ich mich von meinem eigentlichen wundervollen Kern. Du bist schon ganz. Du bist Stille. Du bist Kraft. Im Kern bist du göttlich und vollkommen. Das sagen sie immer, so steht es überall; ich versuche es zu glauben…

Manchmal spüre ich sie schon, meine Vollkommenheit. Aber so schnell entweicht mir dieses Gefühl, dieser Zustand wieder. Von dem vage erfahrbaren Raum der Zeitlosigkeit geht es so schnell wieder in das Bewusstsein eines Zeitstrahls, einer Vergangenheit und einer Zukunft, die erschaffen werden will. Gefangen in Illusionen fliehe ich vor dem Jetzt. Es macht mich rastlos, aggressiv, niemals zufrieden. Es kann so nicht weitergehen. Ich kann so nicht mehr leben. Das Leben wünscht sich von mir, mich endlich mal zu entspannen, auch im Chaos. Gerade dann. Chaos ist weiblich, Kontrolle loslassen und sich hingeben ist weiblich, ist Urvertrauen! Ist Gewissheit darüber, dass ich immer geborgen bin, in mir selbst.

In einem meiner letzten Träume, kletterte ich ein kilometerhohes Steingebäue hoch. Es war einfach und ich war motiviert. Oben angekommen befand ich mich auf einer ganz schmalen Plattform mit weitem Ausblick, ich war fast ganz im Himmel angelangt. Plötzlich packte mich die Panik, wie sollte ich hier jemals wieder runterkommen? Unmöglich, ich würde sofort hinunterfallen und sterben. Mir blieb nichts anderes übrig, als auf der Plattform zu liegen, mich fest an sie zu klammern und zu vertrauen, dass es irgendwie weitergehen würde. Mein Verstand konnte sich nicht erklären wie, hier müsste ich nun verhungern – oder würde es tatsächlich ab hier erst beginnen, das Leben?

Ich glaube, es war der Beginn des Egotodes. So fühlt es sich grad an, sehr oft. Es ist so schmerzhaft, es tut sehr weh! Aber there is no turning back. Ich kann es beobachten, einfach beobachten. Sanft zu mir sein. Was, wenn ich gerade nicht mehr tun muss? Außer sanft zu mir und Maël sein, mich um ihn kümmern und schreiben.

Der Wunsch nach dem Loslassen der Kontrolle, mich selbst und meine Identität nicht mehr mental erdenken zu müssen, sondern mein Sein fließen zu lassen, erlöste sich in den vielen Drogenexzessen. Es war die größte Freiheit, die ich je erlebte. Endlich war ich voll, ganz und spürte mich zu 100 Prozent. Endlich zweifelte ich nicht mehr an mir. Endlich war ich so selbstsicher, laut und sexy wie ich sein wollte, weil jede Scham und jede Angst, was die anderen über mich denken könnten, verschwunden waren. Ich war vollständig eingenommen von meinem Raum und dachte endlich nicht mehr über tausend andere Menschen nach. Es gab nur mich. Aus diesem angenehmen Egoismus heraus konnte ich so nah und intensiv mit anderen in Kontakt treten und mich verbinden wie sonst nie. Ich liebte es so unendlich doll – mein Paradies.

Die Drogen sind nun schon länger keine Option mehr für mich, weil ich nun Mama bin und auch, weil jedes Drogennehmen das Loch, welches ich für meinen inneren Brunnen grabe, wieder zuschüttet. Der innere Brunnen des spirituellen Weges, der mir Zugang zur Quelle verschafft: zu meiner eigenen Quelle des Seins und zur ursprünglichen Quelle von allem, was existiert. Somit sind die Drogen aus meiner Sicht ein Schnellzugang zu einer Sphäre, nach der sich so viele Menschen sehnen – Gemeinschaft spüren, Sorgen vergessen, Zeit vergessen, unendlichen Spaß erleben, schmerzfrei sein – und an dieser Sehnsucht ist nichts Verwerfliches, im Gegenteil. Ich glaube daran, dass es Dinge sind, für die wir hier auf der Erde sind und dessen Sphären uns zur Verfügung stehen. Es ist die Befreiung, nach der sich so viele Menschen sehnen. Das einfache Glücklichsein. Doch die Drogen, und dazu zähle ich auch den Alkohol, führen auf längere Sicht nicht dorthin. Sie entziehen dir Stück für Stück deine Seele und erschweren den Kontakt zu ihr, bis er irgendwann ganz abbricht. Und dann hast du dich in einer Sackgasse verfahren. Die Sehnsucht des spirituell Suchenden und des Drogenabhängigen ist nicht selten ein- und dieselbe. Nur ist des einen damit verbundene Reise immer ein schneller, intensiver Trip ohne Nachhaltigkeit und über ein Kurzstrecken Ticket zu erreichen. Des anderen Reise hingegen ist lang und oft beschwerlich, weil sie dem Schmerz ins Auge blickt, anstatt ihn zu betäuben. Doch nur über diesen Weg ist es möglich, wieder ganz und wahrhaft frei zu werden.


			

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