Wenn jahrelang gepflegte Identifikationen zu bröckeln beginnen

Die düsteren Annas in mir annehmen, wirklich zu lieben, das ist grad meine Aufgabe. Mich mit allem zu lieben. Ich habe mich und die Tage meines Lebens oft nach „das bin ich“ und „so will ich nicht sein“ eingeteilt. In „das ist das wahre, volle Leben“ und „das hier fühlt sich so leer und bedeutungslos an – es kann nicht das wahre Leben sein“. Und nun, heute, jetzt in dieser umwälzenden Zeit, werde ich zur bedingungslosen Annahme geradezu gedrängt. Ich habe lange geglaubt, ich müsste die leere Anna füllen oder die düstere Anna heller machen. Dabei geht es schlicht und allein nicht ums Verändern, sonder doch „nur“ ums Annehmen.

Es ist ein ego-triggernder, gar ein das Ego zermürbender Prozess, zu erkennen, dass sich die Welt, die Menschen und mein Leben, ja auch ich selbst nicht in schwarz und weiß, gut und böse, richtig und falsch einordnen lassen. So lange fand darin etwas in mir großen Halt, große Sicherheit, ja sogar Geborgenheit. Denn vor sämtlichen Menschen, Dingen und Situationen, die sich fremd für mich anfühlten, hatte und habe ich manchmal große Angst. Alles, was vermeintlich nicht so ist wie ich, bedroht mich dann. Ein alter Schutz. Es ist ganz einfach, das Herz mal eben zu verschließen. Meinem Partner gegenüber, der sich nicht so verhält, wie ich das für richtig oder sinnvoll halte. Oder dem Typen im teuren BMW, der laute Proll-Mukke hört. Oder dem Elternteil, das damals unbewusst handelte. Es ist so einfach, sich darüber zu heben, es zu verachten, sich wegzudrehen. Aber was bedeutet es, das Herz genau an dieser Stelle zu öffnen? Sich genau an dieser Stelle hinzuwenden? Das ist die größte Herausforderung. Das geht über die eigenen bisherigen Grenzen hinaus. Das sprengt das Herz. Das fühlt sich vielleicht merkwürdig und fremd an. Das ist bedingungsloses Lieben. Ich muss die Proll-Mukke nicht gut finden. Aber ich sehe in genau diesem Moment, dass da ganz einfach ein Mensch im Auto sitzt, der Musik hört, weil er Musik liebt, eben diese Musik. Weil er sich das Leben damit verschönert, weil er gerne tanzt, weil… genau wie Milliarden andere Menschen auch die Musik lieben und Musik Ausdruck von Liebe zum Leben ist, egal welche Musik. Selbst die Musik, in der das Leben gehasst wird, ist ein Ausdruck von Schöpferkraft und damit Leben. Auch ich hasse das Leben manchmal. Es darf sein. Es ist Teil dieser dualen Welt, in der wir leben. Und was geschieht ganz tief in mir, wenn ich dem Hass mit Liebe begegne, weil ich ihn einfach da sein lasse? Was verschiebt sich? Mein Herz möchte sich öffnen und das Unannehmbare annehmen lernen, damit ich mich und die Welt in den Einzelteilen immer weniger zerstückelt und abgetrennt voneinander erfahre, sondern mich in ihnen – inmitten eines Ganzen – gespiegelt sehe. Dann verschieben sich die Grenzen von allem, mit dem du dich je identifiziert und – um Gottes Willen – „niemals“ identifiziert hast. Die Strukturen der bisher wahrgenommen Realität beginnen zu bröckeln. Es ist die Rückkehr zu dem uralten Wissen, dass ich alles, was ich im Außen erkenne, auch in mir anfinden kann.

In meiner Vision des Lebens, zu dem der Mensch fähig ist, gibt es regelmäßige kleine Happenings, an denen auf einem ganzen Straßenzug Musik läuft und alle Anwohner zusammen tanzen. Als Ritual, an einem bestimmten Tag die Woche zu einer bestimmten Uhrzeit. Wir alle mit all unseren schönen „Klischees“ tanzen zusammen; klein und groß, arm und reich, alt und jung. Ohne Alkohol, ohne Randale, einfach im Frieden gemeinsam. Feiernd, dass wir alle eines gemeinsam haben: Mensch sein. Mensch. Mensch. Mensch. Gemeinsam leben wir hier und jetzt, in dieser Straße, dieser Stadt, auf dieser Erde. Wir müssen keine engen Freunde sein, ich muss nicht gut heißen, was jemand anderes tut. Aber ich kann mich öffnen für die Verbundenheit zum Menschen, zu einem anderen MIT-Menschen mit dem ich hier und jetzt lebe.

Meine größte Sehnsucht ist die, nach wahrer zwischenmenschlicher Verbindung. Ich warte dafür oft auf ein Zeichen vom Anderen. Den richtigen Moment. Die richtigen Worte, die der andere spricht, in denen ich mich wiederfinde. Nun möchte ich nicht mehr warten. Ich kann jetzt und hier Verbundenheit spüren mit einem anderen Menschen – weil ich ihn sehe, ehre und liebevoll anblicke. Innerlich. Und Äußerlich. Aber vor allem innerlich. Dem anderen seine Fehler verzeihend. Weil ich auch mir meine Fehler verzeihen möchte und weil ich meine nie gemochten inneren Annas annehmen will.

Es ist tägliches Training. Tägliches Training. Tägliches Training. Und es lohnt sich. Es lohnt sich. Es lohnt sich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s