Tagebuch einer Mama #1

03. Juni 2020

Am meisten Angst habe ich schon immer vor strukturlosen Tagen gehabt. Keinen Alltag, keine Arbeit, keine Uni, nichts, wo man morgens relativ zeitnah nach dem Aufstehen hingeht. Nichts konkretes, an dem man arbeitet. In den strukturlosen Zeiten hasse ich die Vor- bis Nachmittage. Die Spätnachmittage und Abende sind schon annehmbarer, weil etwas in mir es sich dann irgendwie erlaubt, zu entspannen.

Und diese Zeit nun mit Maël ist definitiv eine strukturlose Zeit. Es ist eine große und tolle Aufgabe, ein Baby großzuziehen, für es da zu sein – aber wo bin ich in der ganzen Geschichte? Nennt mich egoistisch, aber ich spüre mich manchmal nicht bei dieser Aufgabe. Es ist, als wäre ich nicht richtig da. Ich verliere komplett den Bodenkontakt in diesen Zeiten und mich selbst. Ich falle auseinander wie ein Puzzle und verliere viele Teile, weiß nicht mehr, wo ich sie wiederfinden kann. Ich scheine mich aufzulösen. Ich habe keinen Halt in mir. Hinzu kommt der schlechte, unterbrochene Schlaf. Ich wache genauso zermatert auf, wie ich abends einschlafe. Keine bis wenig Erholung seit vier Monaten, seit Maëls Geburt. Ich habe so viel realisiert – was Mütter leisten ist überirdisch. Was hat sich die Natur da gedacht? Eine heftige Geburt und direkt im Anschluss monatelang ohne richtigen Schlaf einen kleinen Säugling 24/7 versorgen und betreuen und bespaßen und lieben? Das ist eine verdammt große Herausforderung. Ich verstehe jede Frau, die damit ihre Schwierigkeiten hat und jede Wochenbettdepression. Ich glaube ich habe auch eine – damit hatte ich ja auch schon in der Schwangerschaft zu kämpfen. Seit der Geburt ist es jeden Morgen ein bisschen so, als wäre ich in einem Alptraum gefangen. Meine Wahrnehmung der Welt ist von so viel Ängstlichkeit, Hoffnungslosigkeit und Verurteilung durchzogen. Und dazu kommt die apokalyptische Weltstimmung durch Corona beziehungsweise dem Bewusstseinsshift. Die vielleicht heftigste energetische Zeit der Geschichte, in der wir uns aktuell befinden. Innerlich fühlt es sich an wie ein Sterben, Tod, Zerfließen. Auseinanderdriften, verloren gehen und nicht zu wissen, wo es endet. Kein Licht am Ende des Tunnels sehen. Dunkelheit. Einsamkeit. Angst. Ich fühle mich oft so unendlich verloren. Und sehe so viel Verlorenheit in der Welt, so unendlich viel Leiden und sich im Kreis drehen.

An manchen Tagen ist mein Herz verschlossen. Ich spüre einfach keine Liebe. Da liegt dann mein wunderschönes Baby vor mir, ich habe den tollsten Partner auf Erden, der mich so trägt und eigentlich ein ganz schönes Leben, aber ich fühle einfach keine Liebe. Kann mich nicht aufraffen zu Dankbarkeit. Sinnlosigkeit dehnt sich aus, hinterfragt alles und jeden und vor allem mich selbst. Ich kann immer nur schwarz oder weiß sehen, es gibt nichts dazwischen in meiner Wahrnehmung. Warum? Das ist so unendlich anstrengend. Entweder mein Leben erscheint mir extrem sinnvoll oder extrem sinnlos. Extrem leer oder extrem voll. Ich bin extrem böse oder extrem wundervoll. Ich bin hoffnungslos verloren oder zutiefst angekommen.

Gott und Göttin sei Dank, dass ich Marian an meiner Seite habe. Er leitet mich. Er ist so oft mein leuchtender Stern. Schenkt mir Vertrauen, Hoffnung, Tonnen von Liebe. Er steht so fest mit beiden Beinen auf dem Boden.

Nach diesem Tag voller Abgrund, Apokalypse und Selbstaufgabe dann noch der Abend mit schöner Musik, schreiben und Maël spielend auf dem Bett neben mir. Ich habe bereits diese unfassbar heftige Geburt überstanden und ich werde auch das hier überstehen.

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