Weniger ist mehr / Das einfache und doch tiefe Leben

Beim Streben nach Wissen

Wird viel angesammelt.

Beim Folgen des Tao

Bleibt viel zurück.

Wirf das Unwesentliche weg,

Um zur Essenz zu gelangen.

Durch Einfachheit

Erreicht man

Alles Wichtige.

[Tao, 48]

 

Ich möchte tiefe Erfüllung und Tiefe in jedem Moment meines Lebens spüren.

Wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, ist dies der tiefste Wunsch und die größte Sehnsucht in mir. Mein kleiner Verstand sagt sofort, dass Erfüllung und die ganze intensive Tiefe des Lebens nicht dauerhaft da sein können. Dass es ein Luftschloss bleibt in einem Leben, das auch aus so vielen Situationen und Begegnungen besteht, die mich nicht im Kern berühren, die mir flach und sinnlos erscheinen.

Letztens kam mir ein kurzer Gedanke, der eine große Wirkung entfaltete. Einer von den Gedanken, die etwas in mir zum Vibrieren bringen, die von einer verlockend britzelnden und edlen Qualität sind. Der Gedanke oder eher die Frage war: Was, wenn das Leben eigentlich ganz einfach ist? Wenn Glück eigentlich ganz einfach ist? Wenn es viel einfacher ist, dauerhaft erfüllt zu sein, als ich es mir immer vorgestellt habe.

Das einfache, tiefe Leben

in sich einsinken

attuning to the unique rhythm of the soul

es ist mehr Loslassen als Festhalten

mehr Seinlassen als Fassen und Formulierenwollen

es ist meistens sehr viel langsamer als das bisher gelebte Tempo.

Da ich einen Großteil meines Lebens lang glaubte, erst wert zu sein, wenn ich tue oder erst Fülle spüren kann, wenn etwas Bestimmtes eintritt und nun erkenne, dass dies all die Jahre eine Illusion, ein Irrglaube war… Dann ist es logisch, dass die damit zusammenhängenden gedanklichen Verzweigungen meines Verstandes nicht von jetzt auf gleich aus meinem System gelöscht werden können. Aber ich kann mich umtrainieren. Es bedeutet zu lernen, die eigene Fülle und die mich umgebende Fülle in jedem Moment zu spüren oder überhaupt erstmal wahrzunehmen. Es ist Lernen, in meinem Kern stabil zu sein, meiner Kernenergie des Friedens und der Stille. Es ist Annehmen dessen, dass all die Dinge, die ich noch vorhabe oder erreichen möchte, nicht dazu da sind, um mir Identität oder Vervollständigung zu geben. Dass sie nicht dazu gemacht sind, um mich zu füllen. Diese Dinge sind lediglich Ergebnisse und Ausdruck meiner Fülle. So lange ich mich von etwas im Außen füllen lasse, bin ich nicht frei und kann immer nur temporär eine Art der Erfüllung verspüren.

Die Vollkommenheit in mir war schon immer da und wird immer da sein. Über den Weg der Heilung wird sie freigelegt, ich muss mir nichts hinzufügen oder aneignen. Die Herausforderung besteht eher darin, alles Unwahre und alles, was ich nicht bin, loszulassen, damit der Kern immer klarer strahlen kann.

Das alles in meinem Geist nun so zu betrachten, deckt eine Reihe an Unwahrheiten und Illusionen auf, an die ich lange Zeit gebunden war. Es bedeutet, dass in Wahrheit Mangel nicht existiert. Es bedeutet, dass ich gedanklich keinen Vorstellungen über mein Leben mehr hinterher hetzen muss. Es bedeutet einzusehen, dass ich die von mir herbeigesehnte Intensität nicht dort finde, wo ich sie einige Jahre gesucht habe (Parties, Beziehungen, Alkohol, Drogen, im Leben anderer schöner Menschen, auch in spirituellem Input… ) Ich kann die Intensität nur in mir finden, in meiner Tiefe und Anbindung an die Quelle und im Jetzt. Im einfachen Leben eines jeden Moments; im Wind, in den Bäumen, in jedem morgendlichen, von mir so sehr geliebten Müsli mit frischem Obst. Im Tanzen, im Empfangen, im Ausüben der Tätigkeiten, die ich mit Leidenschaft verfolge. Im Loslassen von Gedanken. So viel Intensität und Ekstase liegt im Loslassen von lange festgehaltenen Gedanken, von denen ich glaubte, dass ich sie brauchte. Weil ich kontrollieren oder mich ablenken wollte, aus der Angst vor dem Nichts, das auf mich lauerte. Aber ist es wirklich nichts? Oder ist es viel mehr der Inbegriff intensiven Lebens und ozeanischen All-Eins-Gefühls, das einen hinter den Gedanken, am Ende aller Worte oder am Grund eines überwältigenden Gefühls begegnet. Da mag eine Angst ausgehen vom Ego, denn ab hier ist es nicht mehr sicher, es verliert den Halt und damit seine Macht über mich. Doch wenn die Angst vollständig erfahren wurde, gelangt man zur großen Quelle und einem Zustand tiefen Friedens, der sich dahinter verbirgt.

Wenn da oft Leere und Langeweile ist, dann zeigt es dir, dass du dich von deinem inneren Kern, deiner wahren Fülle, deinem eigentlich wahren Seelenrhythmus entfernt hast. Höchstwahrscheinlich aus dem Grund, da dein Geist einer oder sehr vielen falschen Grundannahmen über den Gewinn von Vergnügen verfallen ist. Das damit verbundene Ego ist immer von flüchtiger Natur. Es will Spaß, Intensität, Neues – jetzt, schnell und immer wieder. Somit drängt es aus dem Moment weg, aus dem, was wirklich ist. Doch nur hier kann der Seele begegnet werden und damit der Fülle und der Intensität.

Die Intensität von Situationen, Begegnungen und Momenten ist auf deren Innenseite zu finden. Mehr im Verweilen, als im „Und jetzt noch mehr“ oder „Jetzt wird mir hier langweilig, also weiterziehen“. Die Innenseite ist durch Nichtdenken und Nichtbewerten zu erfahren. Durch sanftes Richten der eigenen Aufmerksamkeit in die unendliche Tiefe eines jeden Moments. Durch den nach innen gerichteten Fokus. Weit werden. Dir vorzustellen, wie du dich mehr und mehr ausdehnst.

Es ist so viel einfacher als ich lange geglaubt habe. Es ist von simpler Natur und kann Erwartungen enttäuschen, denn es stimuliert nicht auf dieselbe Art, wie z.B. ein Flirt mit einem gutaussehenden Menschen. Es bedarf Training, Entschleunigung, Vereinfachung, Lösen von Form und von Äußerlichkeit. Dasselbe immer und immer wiederholen und es doch jedes Mal neu erleben.

Es ist eben kein Snickers aus raffiniertem Zucker, sondern eher eine Bio-Schokolade aus Agavendicksaft. Wenn du lange nach dem Geschmack des Snickers süchtig warst, wird dich die Bio-Schokolade vielleicht zunächst enttäuschen und nicht genug sein, dich nicht richtig befriedigen. Doch mit der Zeit kommst du auf den Geschmack, bis du eines Tages realisierst, wie künstlich und übertrieben süß das Snickers immer geschmeckt und sich dein Verlangen danach eingestellt hat.

Sich selbst zu erkennen und zu seinem wahren Kern zurückzukehren hat also mehr mit Loslassen als Hinzugewinnen zu tun – in diesem abschließenden Zitat von Abdi Assadi ist das so wunderbar ehrlich beschrieben:

„Als Abhängige lieben wir alle Ablenkungen und kurzfristige Lösungen. Die genannten Beispiele haben alle eines gemeinsam – den Wunsch, die wahre spirituelle Arbeit zu meiden. Wahre Spiritualität ist eher ein Prozess des Verlierens, des Loslassens und Sterbens als einer des Hinzugewinnens und des Ansammelns. Manchmal müssen wir auf der Straße des Überflusses reisen, um zum Palast der Weisheit zu gelangen. Aber meistens führt dieser Weg zum Schrottplatz der Ablenkung und Selbstzerstörung.“

(Aus dem Buch Schatten auf dem Pfad – Wie uns die Suche nach Erleuchtung hinters Licht führen kann von Abdi Assadi)

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