Tom

Meinen Kommilitonen Tom kenne ich als einen Menschen, der dir mit einer besonderen Form von Aufmerksamkeit, Offenheit und Verständnis begegnet. Auf dem Campus begrüßt er dich meistens mit einem breiten Grinsen und ich bin regelmäßig von seiner inneren Ausgeglichenheit fasziniert. Als einer der wenigen Philosophie-Studenten lässt es sich mit ihm gut über die Verbindung von Philosophie und Religion oder Spiritualität diskutieren, eine Verbindung, der oft mit Augenrollen begegnet wird und der, wie ich finde, heute zu wenig Beachtung geschenkt wird. Danke für den kleinen Einblick in deine Gedankenwelt, Tom!

 

I N T E R V I E W

Hast du eine Vision in deinem Leben? Etwas, dass du an die Menschen herantragen willst oder etwas, worin du eine Aufgabe siehst?

Ich würde mir wünschen, dass die Menschen sich öfter wieder ein Gehör verschenken. Für Probleme im Alltag, aber auch versuchen, sie gekonnt mit Humor zu bewältigen, weil ich glaube, Humor hilft uns ganz gut, unsere Probleme vergessen zu machen oder besser darüber hinweg zu sehen. Was mir aber auch immer wieder auffällt, ist, dass die Freundschaften, die wir versuchen zu pflegen in rasant wandelnden Zeiten entstehen, wo sie unsicher sind und man meistens gar nicht erst die Zeit hat, sie zu intensivieren oder sie meistens sehr oberflächlich bleiben und man vielleicht gar nicht erst in seinen persönlichen Beziehungen mit seinen Hoffnungen, Wünschen oder Problemen umgehen kann oder, dass es meistens, sagen wir mal, Hemmschwellen gibt und man dem Problem der anderen Person gar nicht in die Augen schaut.

Wenn man dann beim mitmenschlichen Mutzusprechen einen größeren Wert auf Ausdauer legt … (überlegt) … ja das ist vielleicht meine Vision oder meine Hoffnung. Sozusagen, dass wir uns beim Zuhören, Reden und Handeln ein bisschen mehr Zeit nehmen – auch für uns selbst und uns nicht ständig durch andere Dinge ablenken, wie es aktuell der Fall ist durch die vielen Reizüberflutungen. Sondern, dass wir den Fokus auf uns legen und versuchen, eine Lebenspraxis zu entwickeln, in der wir zufrieden durchs Leben gehen können, ohne dass wir später sagen, dass es schade ist, dass wir das nicht wahrgenommen haben oder dem mit zu viel Überstürzung begegnet sind.

Und in Bezug auf andere Menschen? Was tust du persönlich um diese Hoffnung zu verwirklichen?

Ich suche schon oft den Kontakt zu Menschen, aber manchmal verliere ich mich dabei ein bisschen selbst. Denn Leute denken schnell, sobald ich mal nicht rede, dass es mir nicht gut geht und fragen sofort, wie es mir geht, oder beginnen unnützen Smalltalk. Dabei will ich in diesem Moment nur Ruhe, die ich wirklich sehr oft brauche, obwohl das viele in meiner Heimat vielleicht nicht bei mir glauben würden. (lacht)

Ja, das Schweigen ist vielen Menschen so unangenehm. 

Genau, dass man miteinander schweigt oder einfach mal den Moment genießt – auch durch einen lockeren sprachlichen Umgang. Ja, vielleicht ist das auch eine Vision für mich, dass man mal wieder in die Welt blickt, oder wie bei mir in die Natur. In das Weite, Große, Ganze, wenn man mal wieder ausbricht aus der Realität, hinabtaucht in die Natur, das kann unseren Problemen wirklich guttun. Aber auch, dass man sich die Zeit für sich alleine nimmt. Denn, wenn man mit Freunden in die Natur geht, ist man meistens auch nicht allein für sich. Ich merk es selbst bei mir, dass ich nicht sehr gut mit Langeweile umgehen kann, habe das auch schon in meiner Schulzeit gemerkt, dass ich immer Projekte am Start hatte. Zum Beispiel habe ich die Vitzional geleitet, eine 100 seitige Schülerzeitschrift oder Kurzfilme gedreht. Da habe ich im Nachhinein gemerkt, dass man nicht wirklich zu Ruhe kommt, wenn man sich immer in Projekte hinein begibt. Und jetzt bin ich an dem Punkt und eigentlich zufrieden, dass ich zu der Erfahrung gekommen bin, dass es mich im Moment nicht erfüllt das so weiter zu machen, dass grad die Zeit da ist, wo ich wirklich kein Projekt machen muss, wo ich wirklich zu mir selbst finden kann. Mit dem Studium und in Hildesheim, wo man nicht so ein hohes Lernpensum wie an anderen Unis gewohnt ist, sondern ein bisschen freier studiert und spontaner lebt.

Und wo es vielleicht auch ok ist, mal kein Projekt zu machen und trotzdem zufrieden mit sich zu sein? Sich auch das Nichts-Tun gönnen…

Ja, das Nichts-Tun quasi als eine buddhistische Weisheit! Aber ich würde da trotzdem noch unterscheiden. Die Projekte sind ja meistens in unserer heutigen erschaffenen Welt ein seelischer Stress, weniger ein körperlicher.

Was sich ja auch auf den Körper auswirkt.

Absolut. Es ist dann auch wichtig, auf den Körper zu achten, weil ich glaube schon, dass wir sehr verkopft sind und der Körper bei vielen am Hals aufhört. Und deshalb sollten wir uns wieder mehr Zeit nehmen. Ich glaube schon, dass der Körper für unsere Psyche eine große Rolle spielt, das habe ich selbst gemerkt. Durch athletische Rückfälle oder anatomisch notwendige Operationen.

Würdest du dich als sensibel bezeichnen?

Es gibt ja schon sehr viele Sensibilitäten, einige versuchen, was bei den Leuten zu interpretieren, andere wiederum achten mehr auf die Umwelt oder auf unbekannte Menschen wie sie harmonieren oder disharmonieren, bei mir ist es eher so, dass ich meine Sensibilität auf Erfahrungen aufbaue. Dass ich mir sehr gut Dinge merken kann über Jahre hinweg von Menschen, mit denen ich eigentlich überhaupt nichts zu tun hatte, ich das aber wirklich nicht abstellen kann obwohl ich, sagen wir mal, einen sehr großen Ausgleich habe und viel Abwechslung erlebe. Ich mache viel Sport, bin oft draußen unterwegs, unternehme was, das ist ein Segen für viele Tätigkeiten. Auch für Beobachtungen in der Natur, ich male sehr viel – auch auf großen Leinwänden. Wenn man Naturphänomene gut beobachtet, dann entsteht dadurch natürlich auch ein schlüssiges Bild und ich hab gemerkt, dass die Kunst, der Journalismus oder die Literatur hilft, dies zu bearbeiten, aber vielleicht auch, es zu intensivieren. Das ist ein zweischneidiges Schwert, dass man vielleicht durch die Kunst die Sensibilität steigern kann, aber es vielleicht auch ein Ausdruck von Freiheit ist, darin etwas Positives zu erkennen.

Um bei der Kunst zu bleiben… Du malst, sagtest du. Was sollte Kunst bewirken? 

Das ist eine sehr gute Frage. Ich bin mit meiner Auffassung schon auf viel Kritik gestoßen (lacht). Aber für mich muss Kunst eine ästhetische Identität zu ’nem gewissen Thema besitzen und auch nicht unbedingt zu ‘nem zeitgenössischen Thema, sondern soll eher für’s allgemeine Leben sein, und es soll nicht Politik schaffen. Einfach an dem Menschen sehr nah dran und in einer Sprache, die unsere moderne Wirklichkeit abbildet und hinterfragt. Aber Kunst muss auch etwas dahinter sein, drei Schritte zurückgehen, es sollte schon verschlüsselt oder codiert sein – was Fantastisches oder ebenso Unvollendetes. Sodass es aber nicht abstrakt ist, sondern dass sich der Betrachter wiederum eine Interpretation bilden kann, ohne dass es wirklich das Wahre ist, er sich damit dennoch identifiziert. Aber ich hab schon gemerkt, dass mein Blick auf die Kunst meistens ein ganz anderer ist als bei anderen, was auch okay ist. Letztens war ich in der Wolfsburger Kunsthalle und habe dort ein Objekt, den TV-Buddha betrachtet und die meisten haben das nur fotografiert und ich stand sehr lange davor und habe es aus vielen Blickwinkeln eingefangen. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Menschen die Zeit nehmen, Kunst auf sich wirken zu lassen, um auch wieder auf die Thematik am Anfang zurückzukommen.

Woran glaubst du? 

Die Erfüllung. Dass man irgendwann etwas macht, was einen erfüllt und auch im Einklang mit der Gesellschaft oder der Natur ist. Ich glaube schon, dass es viele berufliche Zweige gibt, in denen man verloren geht und mit denen man sich nicht identifizieren kann. Deshalb erhoffe ich mir, dass ich mein Bewusstsein – früher hieß es ja die Seele, oder die Anlagen – die mir zum Glück verhelfen, in meinem Lebensprozess auch erkenne.

Und zuletzt: Was macht dich glücklich?

Glück ist für mich, dass man sich nicht nur an den Dingen ausprobiert, die einem schon liegen, sondern man auch mal dem Negativen nachgeht, was einem nicht so gelingt und dann merkt, dass man immer mehr daran wächst. Wenn man dann eine zufriedenstellende Leistung hat, dann denke ich ist man umso glücklicher, als wenn man immer nur Dinge macht, die man zuvor als glücklichmachend empfunden hat.

 

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