Antwort auf „Das Distanzproblem“

In meinem vorletzten Beitrag habe ich mich gefragt, warum ich zu vielen Menschen eine Distanz spüre, die mich frustriert, manchmal wütend oder traurig macht. Einen ziemlich guten Hinweis darauf, woran das liegen könnte, habe ich in dem unfassbar guten Buch Radikal lieben von Veit Lindau gefunden.

Die wichtige Frage dabei ist: Was unterscheidet distanzierte von nahen Beziehungen im Leben? In den nahen Beziehungen teilt man einen geistigen Raum mit dem anderen. Er besteht aus ähnlichen oder übereinstimmenden Werten, Interessen, Weltauffassungen, Erkenntnissen, Lebenswissen. Ist dieser Raum vorhanden, fühlen wir uns der anderen Person verbunden und wir sehen uns gegenseitig, es entsteht Nähe.

Keine Nähe sondern Distanz entsteht außerdem, wenn die Kommunikation scheitert. Sie scheitert dann, wenn ich mich nicht auf den anderen einlasse, mich nicht in seine Denke und seine Gefühle hineinversetze. Indem ich dies tue, fange ich an, die Wirklichkeit des anderen zu empfangen und einen Zugriff auf die inneren Schätze des anderen zu gewinnen: seine Liebe, seine Fähigkeiten, seine Fantasie. Was auch eine Rolle spielt, ist die Sprache. Nur weil ich dieselben Worte wie mein Gegenüber verwende, heißt es nicht, dass wir uns auch verstehen, wir haben eventuell ganz unterschiedliche Auffassungen derselben Wörter. Erfolgreiche Kommunikation, so schreibt Veit, kostet dich außerdem dein Rechthaben. Du musst dich diesem Drang deines Egos widersetzen und anfangen, dich geduldig auf den anderen einzulassen. Wenn dir ein Mensch wichtig ist, geht es darum, dass du deine innere Welt ständig mit der des anderen synchronisierst und das bedarf viel Geduld und Ausdauer, kann aber deine Beziehungen sehr viel lebendiger und intensiver werden lassen.

Ich nehme dieses Wissen in mir auf und habe noch eine eigene Beobachtung gemacht. Das Distanzproblem hält sich am meisten in den Begegnungen aufrecht, in denen ich die ganze Zeit um die Anerkennung des anderen buhle. In den Momenten ist es mir nicht bewusst, aber mein Unterbewusstsein ist dafür voll in action und bettelt innerlich bei dem anderen nach der Bestätigung meines Seins, danach, gemocht zu werden, sodass es an mein Bewusstsein das Signal geben kann: Der oder die mag dich, du kannst jetzt chillen und du selbst sein! Das Distanzproblem habe ich dementsprechend nicht in den ganz wenigen, aber dafür unheimlich schönen Beziehungen, in denen ich die Liebe des anderen absolut zu spüren bekomme. Also, was ist die Antwort? Ich lasse mich auf mein Gegenüber ein, egal ob ich mir seiner Liebe zu mir gewiss bin oder nicht. Ich kann dies aus der Kraft meiner Selbstliebe heraus tun, nicht mit dem Ziel, die Bestätigung und Anerkennung des anderen zu erlangen, sondern um mir selbst die Liebe zu geben und mich an den anderen zu verschenken, wie Veit das immer sehr schön schreibt.

 

 

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