Michael

Michaels Bekanntschaft machte ich auf den Straßen Hannover-Lindens, als er uns nach einer „Drehung“ (selbst gedrehte Zigarette) fragte. In seinem schwarzen langen Ledermantel mit Fellkragen und der runden Nickelbrille erinnerte er mich stark an den Charme der guten alten 80er Jahre. Ich lag mit meiner Einschätzung nicht ganz falsch: Im Gespräch erfuhr ich, dass er seit einem Jahr ohne Internet und Handy, ja sogar ohne Festnetzanschluss lebt und auf 60er Jahre Elektronik umgeschaltet hat. Er schreibt wieder mit der Schreibmaschine und statt im Internet rumzusurfen, liest er mehr, schreibt Gedichte und baut Figuren aus Papmaché mit den Kids aus seiner Nachbarschaft. Gelernt hat er Koch und Altenpfleger. Wenn man Michael treffen will, muss man bei ihm zu Hause klingeln oder eben einen festen Termin ausmachen, den man dann quasi gezwungen ist einzuhalten. Außerdem, so findet er, bleibt beim Treffen mehr zu erzählen, weil der Gesprächsstoff nicht schon in unzähligen Textnachrichten verpulvert wurde. Ich mag Menschen, die dem technologisierten Leben nicht verfallen, sie umgibt eine ruhige und besondere Aura, so wie Michael. Klar, man läuft nicht mit dem Geist der Zeit und kapselt sich ab, mögen manche sagen, vielleicht wird man einsam. Ich habe manchmal jedoch den Eindruck, dass vor allem die grenzenlose Vernetzung und ständige Abrufbarkeit meiner Mitmenschen eine viel größere Quelle für eine ängstliche Einsamkeit schafft. Danke, Michael, für das urgemütliche Gespräch!

 

I N T E R V I E W

Wieso hast du dich für ein internet- und handyfreies Leben entschieden?

Ich will nicht sagen, dass es den Verstand überlastet, aber es schiebt dich auf einer Schiene lang und es wäre schöner, das Gleis selber zu verlegen. Zu überlegen, wo will ich eigentlich hin? Welche Möglichkeiten habe ich? Irgendjemand programmiert diese Handys, aber die Masse wird zu Leuten degradiert, die es einfach nur noch konsumieren und sich gar nicht mehr fragen, wo kommt das Ding her? Und es wäre schade, wenn es am Ende in einer Minderheit endet, die Sachen kreiert und einer Mehrheit, die Sachen kauft. Das ist jetzt ein bisschen überzeichnet, aber es nimmt einem auch einfach die Ruhe, wenn man die ganze Zeit nur vor ’nem Bildschirm sitzt.

Wie stehst du zu dir selbst? Bist du ehrlich mit dir? 

Ich glaub, jeder baut sich irgendwie eine Fassade auf. Jetzt auch ich. Aber teilweise ist das auch etwas Schützendes für einen selbst, weil eigentlich – wie soll ich das jetzt kurz fassen … (Dreht sich erstmal eine Zigarette)

Also, ich glaube, Männer und Frauen haben beide gemeinsam, dass sie beide immer die beste Seite herauskehren wollen, aber das, was durch Medien vermittelt wird, durch Fernsehen… Man sieht ja nur noch Filme mit perfekt frisierten Leuten. Die sehen immer aus, als wenn sie trotz Hagelschauer grad vom Frisör kommen und die neueste Jacke anhaben. Und irgendwie hat man da schon das Gefühl, hey, wie soll’n ich da mitkommen? Man kommt sich immer ein bisschen mittelmäßig vor, wenn man sich dann im Spiegel anguckt und da fängt das Perverse eigentlich schon an, wie soll ich denn dieses Wettrennen gewinnen? Und eigentlich finde ich das schon doof, wenn man das Leben wie ein Wettrennen sieht, denn ein Rennen kann nur einer gewinnen. Und ich finde, gerade das Leben ist etwas, da gewinnt man nur zusammen. Das ist eine Sache, die Kindern schon in der Schule beigebracht wird. Du musst der Schlaueste sein und ok, was ist mit denen, die nicht die Schlauesten und die Tollsten sind? Das kann schon sehr ernüchternd sein für einen. Sag ich jetzt nicht gerne, aber so 16 bis Mitte 20 hatte ich schon ’ne ziemliche Depri-Phase. Da versucht man erwachsen zu sein und weiß eigentlich noch gar nicht richtig was das ist, fragt man sich auch später noch immer. Aber irgendwann schaltet man, glaube ich, auf etwas um, wie man gut existieren kann. Und dann sollte man sich auch fragen, in welche Richtung man geht. Und manchmal muss man eben in eine Richtung gehen, auch wenn keiner mitkommt. Weil, wenn man das macht, was einen bewegt, hat man ’ne größere Chance Leute zu treffen, die das auch bewegt. Dann sehen die, was du für ’ne Person bist und sagen, ok, da kann ich mitmachen oder interessiert mich halt gar nicht. Aber das ist auch immer ein Wechselbad. Manchmal kaschiert man das, manchmal wagt man es, das raus zu lassen. Wichtig ist, dass jeder auch weitermacht mit den Dingen, die ihn glücklich machen.

Ich finde, Dinge kaufen, das macht nicht glücklich. Ich hab früher zum Beispiel ganz gerne Playstation und Computerspiele gekauft, es wurde immer mehr und die Grafik wurde ja immer toller. In unserer Band damals kam das dann auch an. Wir brauchten einen Schlagzeuger der immer (macht ein Vibrationsgeräusch mit dem Mund) Vollgas gibt. Wir haben 60er Musik gespielt, also haben wir das Schlagzeug irgendwann vom PC machen lassen, weil du in der Realität keinen Blues-Schlagzeuger findest, der eine halbe Stunde ruhig bleibt.

Du sagtest, dass es wichtig ist, das zu tun, was einen glücklich macht. Ich hab momentan das Gefühl, dass das die meisten gar nicht wirklich wissen. Woher weißt du das denn bei dir?

Ich glaube das kann man heutzutage schon fast gespaltene Persönlichkeit nennen. Es gibt eine totale Reizüberflutung und irgendwann… Ich glaube, da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Manche Leute flüchten sich dann in Sachen und sagen, ich mach mir das erst gar nicht mehr bewusst. Andere sagen, ich entscheid‘ mich jetzt für eine Sache, ich hoffe, dass ich zu letzteren gehöre. Aber man kann halt nicht bei allen Sachen mitmachen und allen Erwartungen entsprechen und da muss man auch manchmal sagen, ich mach da nicht mehr mit.

Ich will’s nicht überspinnen, aber ich glaube, um so etwas wie ein Abenteuer zu erleben, oder Selbstwertgefühl, hängt auch davon ab, dass man etwas Individuelles selber für sich macht, was jetzt nicht alle anderen machen. Dass man auch was Neues zu erzählen hat! Das geht zum Beispiel da los, wenn jetzt alle dieselben Computerspiele spielen, GTA zum Beispiel, ist mir mal aufgefallen, dann hat jeder das gleiche erlebt und ein halbes Jahr Lebenszeit rein gesteckt… Das ist eine Gleichschaltung der Leute. Dann landeste mal im Funkloch mit deinen Leuten und keiner hat mehr was zu erzählen, wenn jegliche Flimmse aus ist. Das war jetzt übertrieben gesagt, aber die Fähigkeit, sich selbst zu beschäftigen geht verloren. Ich treffe viele Leute, die frage ich, wollen wir mal ne Runde raus gehen? Und die so: Raus gehen? Wohin willst’n gehen? Und ich, ja, einfach nur raus!? Und die finden das dann langweilig. Da ändert sich auf jeden Fall was, es muss immer irgendeine glitzerne Sensation sein.

Ein Aha-Moment war für mich früher schon Die unendliche Geschichte. Ein Film, den ich früher oft gesehen hab und heute immer mal wieder. Da ist ein Junge, der in einen Buchladen flüchtet und der Mann sagt: „Hier gibt’s nur Bücher, die machen nicht biepbiepbiep.“ War ja ein Film aus den 80er Jahren. Aber er bleibt in diesem Buchladen. Und irgendwo war das so eine urgemütliche Atmosphäre, ich weiß nicht, das ist ’ne Gemütlichkeit, die sucht man immer…

… die beruhigt, oder? 

Ja… Ich mag alte Leute, die noch Sachen von gestern erzählen, staubige Buchläden und jemanden, der lange Geschichten erzählt. Ich weiß nicht, immer so die Erfolgsflipperkugel zu spielen jeden Tag… nee!

Was sagst du zu Spiritualität? Gibt es etwas, an das du glaubst?

Ich glaub, Religion ist für viele wichtig, aber man kann nicht alle Leute auf eine richtige Sache einordnen. Das ist wie mit den Farben im Tuschkasten, jeder hat so seine Lieblingsfarbe. Aber wenn man versucht, mit seinen Lieblingsfarben ’nen Bild zu malen, das wird nix. Du brauchst alle. Ich mag Sachen, die reparieren. Ich mag die Natur. Sachen, die wachsen, oder so. Wie soll ich sagen?

Ich glaub, dass die Natur eigentlich alles schnell repariert, egal, wie schnell wir Menschen das kaputtmachen. Ich glaub, dass wir uns bei 7,8 Milliarden aber ziemlich schnell mehr gegenseitig respektieren sollten, damit das hier heile bleibt. Weil, noch ist es ’ne schöne Welt und wir basteln die im irre Tempo um und das ist wohl gar keinem mehr bewusst. Ich denk zum Beispiel immer, wenn ich als Single-Haushalt son Berg Müll raus trage, dann denk ich, Mann! Von deiner Sorte gibt’s 7,8 Milliarden. Was soll’n das für’n Berg werden? Irgendwas muss mal passieren… Das ist etwas, wovor ich Angst habe, dass wir in unserer Lebenszeit diese Welt umbasteln zu etwas, was wir vielleicht nicht wollen. Filme wie Blade Runner haben da eine recht fundierte Voraussage gemacht, das ist ’ne Warnung im Sinne von denk nochmal drüber nach. Ich hab aber gleichzeitig auch das Gefühl, dass einige Leute in den letzten Jahren schon mehr hinterfragen, was benutz‘ ich da eigentlich, bezogen auf Internet und Co, vor allem junge Leute.

 

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