Die Sagrotan-Gesellschaft

Rasen mähen, Boden wischen, Zähne putzen, Wände streichen, Kleidung entfusseln, Auto saugen. Mähen, wischen, putzen, streichen, entfusseln, saugen, mähen, witzen, streigen, entschen, sauchen.

Sauber, weiß, klar, rein.

Wie sieht das denn aus?!

Das muss man desinfizieren!

Musste immer dabeihaben!

Was?

Sagrotan!

 

Bäche aus Sagrotan fließen mir die Hände herunter. Hauptsache Gesund. Nein, Hauptsache rein, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich kenne dieses Prinzip, allerdings aus einem weniger rosigen Zusammenhang. Doch auch in unserer Sagrotan-Gesellschaft werden die wilden Rosen beschnitten. Natürlich sind die Feinde klar definiert, die schwarzen Flecken, Pixel der Grausamkeit. Jeder hier tanzt das Waschballet im Auftrag der Reinheit. Du hast da einen Fleck – Ein Angriff auf den Kern meiner Existenz.
Ein fliegender Klecks Ketchup, ein Projektil scharf wie ein Hohlspitzgeschoss. Das Loch das es in mein Selbst reißt, immens. Deshalb gilt es abzudecken, neu zu kaufen, im Zweifel kommt der Filter drüber. Denn es geht hier schon lange nicht mehr um eine physische Reinheit oder die Angst vor dem Angriff todbringender Bakterien. Nein, es gilt die Reinheit aus dem eigenen Subjekt zu destillieren. Und heraus kommt mein Profil. Instagram, das Tagebuch meines weißen Lebens.

Die Schreie meiner inneren Müllheide, die in mir wächst, der Tumor meiner Abfalls, er schreit, fleht um Aufmerksamkeit. Diese Jämmerlichkeit muss wegsagrotanisiert werden! Nur leider werden mir nur die goldenen 99,9% Befreiung versprochen. Schlieren, der restlichen 0,1% prangern in den emotionalen Kanälen meiner Seele. Manchmal schleichen sie, in Form eines nachdenklichen Zitates in die Zurschaustellung meines glatten Daseins.

Die Alten in dieser Gesellschaft sind die Ärmsten. Alter treibt einem die Maden des Verdrängten durch die Haut. Von dunklen Pixeln zerfressen, sitzen die Alten am Fenster, durchblicken das Schauspiel in der Außenwelt, wie einen schlechten Krimi. Problematisch nur, dass sie mitgespielt haben und die Sendung dieses Grauens nicht mehr aufhalten können. Platt und oberflächlich. Schwache Begriffe für die Sehnsucht nach dem „mehr“ im Leben. Scheitern am Versuch der Perfektion, nichts Neues, aber ein der Existenz zugrunde liegendes Prinzip?

Ein Auszug aus einer Essaysammlung von Dominic Wittrin, den ich auf einer Hausparty kennen lernte. Die Sammlung trägt den Namen „Wandeln durch die Gassen einer Gesellschaft“ .

 

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