Das Distanzproblem

Bin ich einsam? Von außen betrachtet: nein. Von innen betrachtet: vielleicht?

Ich fühle mich oft so abgetrennt von euch. Ich habe eine Familie, die mich liebt und die ich liebe, Freunde, die mich lieben und die ich liebe. Und trotzdem spüre ich da so oft eine Distanz, selbst zu diesen geliebten Menschen. Ich frage mich mein halbes Leben lang warum das so ist und wie ich es ändern kann.

Wie soll ich dieses Gefühl beschreiben?

Es ist schmerzhaft, ich suche im Anderen eine Vertrautheit, eine Ähnlichkeit zu meinem Fühlen, Bestätigung meiner selbst und wenn ich sie nicht bekomme, dann fühle ich mich der Person fremd und komme mir zurückgewiesen vor.

Ich habe Freunde untereinander immer bewundert, die zusammen kuscheln oder viel Körperkontakt haben – eine schöne Sache, aber ich bin dabei meistens merkwürdig angespannt.

Wenn ich es mir aussuchen kann, bin ich lieber allein als unter Menschen. Dass das auf die Dauer nicht gesund ist, habe natürlich auch ich mitbekommen. Trotzdem, warum ziehe ich das Alleinsein vor? Weil dann Ruhe herrscht. Weil ich mich meinen Gedanken, Gefühlen, meinem Atem, meinem Körperbewusstsein hingeben kann, weil ich tagträumen und lange ins Leere starren kann, nachdenken, das millionste Kopfkino abspielen lassen kann, ohne, dass mich jemand stört. Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen, niemandem erklären warum ich gerade so oder so fühle, werde nicht gefragt wie es denn heute so geht, muss keine belanglosen Smalltalks führen. Bleibe geschützt vor einem riesigen Haufen an Eindrücken von anderen Charakteren, Gesichtern, Stimmen, Meinungen, Problemen des anderen – sichtbaren und unsichtbaren –, die mich so oft überströmen. Fällt es mir deshalb so schwer, in Gruppen bei mir und meiner Ruhe, meinem Lächeln zu mir selbst zu bleiben, weil mich diese Eindrücke der anderen so sehr einnehmen? Oder daran, dass ich nur ihr Äußeres sehe, aber so gern in ihr Innerstes hinschauen würde um mich mit ihnen zu verbinden. Oder auch daran, dass ich manchmal sehr schnell von Menschen genervt bin? Es ist so paradox, das Innere. Vielleicht wirke ich auf euch manchmal unpersönlich, vielleicht denkt ihr ich hätte kein Interesse an euch, dass ich besser allein klar komme. Aber ich will so gern einfach mit euch sein, ohne diese Zweifel.

Kann man es Einsamkeit nennen? Fühle ich mich einsam? Manchmal, ja, wenn ich unter Leuten in einem Seminar sitze oder auf einer Party bin oder auch in meiner WG, selbst in meiner Familie. Ich vermute, der Schlüssel raus aus dieser Einsamkeit oder wie auch immer ich es nennen könnte, ist noch mehr Selbstliebe. Oder es einfach zu akzeptieren, wie es ist. Versteht mich nicht falsch, ich leide nicht unheimlich darunter, ich versuche es nur als Phänomen zu begreifen und finde es spannend zu fragen, was genau überhaupt Einsamkeit definiert.

 

2 Kommentare

  1. Dein Eintrag spricht von Dir als einem sehr sensiblen aber auch reflektierten und reflektierenden Menschen. Du bist, spürbar, auf der Suche nach Dir selbst. Das ist sympathisch zu lesen, aber es ist auch nicht einfach, dieses auf der Suche sein.

    Ich bin es auch immer noch, und ich werde es immer sein. Inzwischen sehe ich das nicht mehr als nur mühsam oder schwierig an. Denn die Suche nach sich selbst ist immer auch ein bisschen die Suche nach anderen Menschen, solchen, die VERSTEHEN, die nicht gleich urteilen, die zuhören können und mögen, die rücksichtsvoll sind und die Stille und Empathie nicht als Schwäche abtun.

    Ich habe immerhin ein paar solche Menschen gefunden auf meinen langen Wegen. Siue lassen mich weniger einsam sein, mich weniger Eindamkeit fühlen.

    Und sie bestärken mich darin, mich ein bisschen mehr mögen zu lernen.

    Darin möchte ich Dich meinerseits auch ein bisschen bestärken, mit diesem Kommentar.

    Liebe und freundliche Grüße an Dich!

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    1. hej, danke für deinen Kommentar! Vielleicht ist der Eintrag auch etwas falsch zu verstehen – ich bin über diese Art von Einsamkeit nicht traurig, ich versuche es eher als Phänomen zu begreifen. Und indem ich es aufschreibe kann ich das besser. Zudem ist es mir ein Anliegen mein Innerstes und auch mir vielleicht Unangenehmes nach außen zu kehren als Sichtbarmachen des Schwachen, nicht „Repräsentativen“ in einem selbst mitten in all dem Wust aus gephotoshopten Instagram Fotos… Ich muss sagen ich feiere meine Sensibilität inzwischen sehr 🙂 Aber danke für deine Unterstützung!

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