Das Zuhause in mir

Wenn ich die Phasen des Zufriedenseins in meinem Leben an einem Parameter messen müsste, würde dieser sich wohl daran orientieren wie sehr „in mir zu Hause“ ich mich zu der jeweiligen Zeit fühlte. Wovon hängt es ab, ob ich dieses Zuhause in mir gerade gefunden habe oder aber mich völlig verloren und weit weg von meiner Seelenmitte befinde? Ich versuche dies tagtäglich herauszufinden. Abgrenzung und das gleichzeitige Andocken an ein unabhängiges, inneres Zuhause beschreiben wohl am besten meine momentanen inneren Themen, mit denen ich mich beschäftige.

Vor einem Jahr um diese Zeit bat ich meine Mitbewohnerinnen mir die Haare abzurasieren, ich war verzweifelt und alles war egal. Ich hasste mich und der innere Kritiker übertönte einfach alles. Ich hatte keine Chance, gegen ihn anzukämpfen, ich war so müde davon. Ich kam von einem Blockseminar-Wochenende in Goslar wieder. Es hatte mich komplett überfordert. Nicht nur wegen des Inhalts des Seminars, ich eckte auch hier wieder mit meiner Auffassung der Welt an, sondern vor allem aufgrund der Situation mit der Gruppe. Es waren nette Menschen, keine Frage. Aber ich hatte dasselbe Problem wie so oft in einer Gruppe, seit Jahren kannte ich es: Ich fand irgendwie keinen Platz. Ich wusste nicht wo ich stehe, wer mich mochte und wer nicht, hatte Angst, alleine rumzustehen, dass in den Pausen keiner mit mir Gespräche führen will. Ich hangelte mich von einem oberflächlichen Gespräch zum anderen, aber kam bei niemandem so richtig an. Es war dort keiner meiner engeren Freunde oder Vertrauten dabei, von dem oder der ich weiß, dass ich gesehen werde. Wenn das nicht der Fall ist, fällt es mir oft so schwer, mich in einer Gruppe frei zu fühlen. In solchen Situationen werden ganz tiefsitzende in meinem Unterbewusstsein verankerte Glaubenssätze angetriggert. Etwas in mir glaubt dann, ich sei nicht liebenswert und misst die Wahrscheinlichkeit dessen am Grad der Aufmerksamkeit und Bestätigung von außen. Wenn ich mich in Gruppenkonstellationen befinde, ist mein Selbstvertrauen also davon abhängig, ob ich gesehen oder am besten bewundert werde. Eventuell hat es damit zu tun, dass ich ein Einzelkind bin, vielleicht bin ich auch ein wenig narzisstisch veranlagt. Es ist aber auch letztlich egal, woher es kommt. Es sind eben Muster meines Unbewussten, die irgendwann in meiner Kindheit oder wann auch immer geprägt wurden. Wir alle haben diese Art von Mustern, die uns tagtäglich unbewusst beeinflussen und unser Verhalten bestimmen. Dieser Fakt macht es leichter, sich nicht vollständig damit zu identifizieren und motiviert mich dazu, immer aufmerksamer zu werden und den inneren Stimmen allmählich weniger Glauben zu schenken. Natürlich ist der einzige Weg, mich frei und unabhängig unter Menschen bewegen zu können, mich von dieser Abhängigkeit zu lösen. Es scheint die wohl größte Abhängigkeit meines Lebens zu sein… aber wer kennt sie nicht? Die Abhängigkeit von Bestätigung. Sie äußert sich bei mir nicht über ein Instagram-Profil und dem Posten von Fotos über mein Leben, sondern eher im Zusammensein mit Menschen. Auf die Art, dass ich erst durch die Anerkennung meines Selbst vom Außen, durch das Gesehenwerden, mein Zuhause in mir wiederfinde, sodass sich mein Herz öffnen kann.

Während ich diese Zeilen schreibe, kommt mir eine Erkenntnis, die erstaunlich wundervoll sein könnte, wenn ich es schaffe, ihr in Zukunft Glauben zu schenken: Vielleicht soll es so sein. Vielleicht ist es nicht nur ein unterschwelliges Buhlen um Aufmerksamkeit und Bestätigung, sondern vielleicht handelt es sich um einen Schutzmechanismus meines Herzens, das sich nur im geschützten Raum öffnen will, solange es noch nicht in seiner vollen Blüte steht, und zwar im (geistigen) Raum mit Menschen, die mir wirklich gut tun. Menschen, in deren Anwesenheit bei mir innerlich eine grüne Lampe angeht, die mir das Signal gibt, dass ich mich bei diesen Menschen fallen lassen kann. Erstaunlicherweise spüre ich jedes Mal ganz genau, ob das grüne oder das rote Licht leuchtet. Aus spirituellen Erfahrungen weiß ich, dass mein Herz noch sehr zart und verwundet ist, da es in alten Leben stark verletzt wurde. Ich muss es pflegen und umsorgen, wie einen kleinen Säugling. Es gibt Menschen, deren Herzchakra weit geöffnet ist, sie strahlen so eine intensive Herzlichkeit aus, dass sie jeden sofort in die Arme schließen können. Ich bin eben anders, zumindest zu dieser Zeit noch. Mein Herz ist nicht immer sperrangelweit offen, es tastet sich vielmehr langsam an den Menschen vor mir heran. Es sucht sich die Menschen mit denen es Zeit verbringen und an die es seine Liebe verschenken will ganz genau aus. Meine Eigenschaft dieses genauen „Auswählens“ von Menschen wurde mir schon oft gespiegelt und auch schon als negativ bewertet. Ich sei zu „wählerisch“, was Menschen und Freunde angeht. Vielleicht, ja. Vielleicht wird es sich eines Tages ändern und ich kann viel mehr Menschen in mein Herz lassen und meine Liebe an alle versprühen. Aber diese Zeit wird erst kommen. Für jetzt spricht mein Herz sehr klar zu mir und teilt mir mit, wem gegenüber es seine Tür öffnen will und wem nicht. Das Herz kann sanft und liebevoll sein und zur selben Zeit sehr streng und konsequent, geradezu hart. Diese Art der Härte kann sich zuweilen auf meine Mitmenschen, alte Freunde und Wegbegleiter auswirken. Ich hoffe, dass sie diese Härte nicht verletzt hat und sie es als Schutz meiner selbst verstehen können. Bestimmte Zeiten bringen bestimmte Entwicklungsschritte und bestimmte Freunde mit sich. Zeiten ändern sich und somit auch Freundschaften und Verbindungen. Ich will immer die Wahrheit sagen können und fühle mich dessen geradezu verpflichtet. Ich will mich absolut wohl und frei fühlen dürfen in Gegenwart eines von mir „gewählten“ Menschen, will nichts zurückhalten müssen, absolut nichts. Vollkommen angenommen werden, in allem was ich bin. Natürlich ist mir bewusst, dass ich auf diese Menschen vermehrt treffe, sobald ich mir selbst jene Gunst erteilt habe, mich also selbst in immer mehr Aspekten liebend annehmen kann. Der Weg, Menschen anzuziehen, die dich lieben, ist immer der Weg der Selbstliebe.

Es ist erstaunlich, dass ich von manchen Menschen nicht nur in meinem Schmerz nicht angenommen werde, sondern auch in meiner Freude nicht, sodass ich mit Neid oder Argwohn konfrontiert werde. Aber auch dies ist nur ein Spiegel meiner selbst. Ich bin glücklich zu behaupten, dass ich einige Menschen in meinem Leben versammle, die mich bedingungslos lieben. Sie sind sehr selten und wie Goldschätze zu behandeln. Mit diesen Menschen fällt es mir ganz leicht, das Zuhause in mir zu finden. Es ist dann, als würde die Zeit still stehen und ich in einen zeitlosen Raum der Ewigkeit eintreten. Ich fühle mich leicht. Ich muss nicht darüber nachdenken, was ich sage oder wie ich es sage. Ich weiß, ich werde vollkommen geliebt. Ich komme in den Kontakt mit meinem zarten Herzen. Es lehrt mich Sanftmut und Wärme. Ich sehe es in pastellfarbenen, warmen Tönen vor mir und verbinde es mit einem Gefühl, das ich aus schwedischen Kinderserien wie Adam und Eva auf KiKa kenne, mit warmen Sommertagen, mit Geborgenheit, Kindheitserinnerungen, endloser Freiheit, Weite und Freude. Das ist mein Herzraum, fern vom Kopf, mein Zuhause.

Inzwischen habe ich gelernt, wie ich in diesem Herzraum immer präsenter werden kann. Indem ich mich in die physische Gegend meines Herzens hineinfühle, geschieht dies auch auf mentaler Ebene. Ich betrete mein Zuhause, einen Raum, dessen Ursprung die Liebe ist. Ich kann diese Technik nun immer öfter auf Gruppensituationen anwenden, sodass ich mich weniger allein fühle, falls mal keiner meiner Vertrauten anwesend ist (was ja oft vorkommt). Gleichzeitig ist es mir möglich, die Situationen immer weniger durch die Brille des Opfers zu sehen. Bewusstsein und Wahrnehmung sind untrennbar miteinander verbunden, sodass sich die Wahrnehmung der Außenwelt meinem (beschränkten oder aber in Liebe geöffneten) Bewusstsein anpasst. Ich sehe dann nicht mehr Menschen, die mich nicht mögen könnten, sondern Menschen, die einfach da sind, mich entweder mögen oder ein negatives Urteil über mich fällen können, es mich jedoch in meiner Selbstliebe nicht berühren wird. Wenn es tatsächlich gelingt, gibt es kein geileres Gefühl. Das ist wahre Freiheit!

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